Interview mit mir selbst.

 

Sk: Sylvia, wie kommt eine Frau drauf, sich so intensiv mit Bier zu beschäftigen?

Sylvia Kopp: Dass ausgerechnet Du das fragst? Ich habe gehofft, dieses Interview würde anders verlaufen als all die anderen.

Sk: Wieso?

Sylvia Kopp: Die Frage unterstellt doch klipp und klar: Frauen und Bier, das geht nicht zusammen. Mich hat mal einer nach einem Vortrag mit Verkostung wortreich gelobt, wie charmant ich das rübergebracht hätte. Er meinte dann auch noch, dass sich aus dem Thema und der femininen Art und Weise des Vortrags eine rechte Spannung ergeben habe.

Sk: Wie schön. Spannung ist was Gutes, jedenfalls in einem Vortrag.

Sylvia Kopp: Ja, sicher. Aber dann drängte es ihn zu wissen, ob ich etwa eine Lust daran verspüre, absolute Exotin zu sein.

Sk: Und, hat er recht?

Sylvia Kopp: Es macht mir große Freude, Verkostungen zu leiten, Leuten Geschmackserlebnisse zu bereiten und sie dazu zu bringen, etwas wahrzunehmen, was sie vorher kaum beachtet haben: die Vielfalt des Bieres. Wenn das exotisch ist, ja, dann verspüre ich eine große Lust am Exotismus.

Sk: Das ist aber nicht der Punkt, der Dich an dieser Frage aufgebracht hat …

Sylvia Kopp: Stimmt. Du kennst mich gut.

Sk: Also, was war’s?

Sylvia Kopp: Man steht da als eine, die dort eigentlich nicht hingehört und sich bei einem koketten Spielchen vergnügt. Leider kostet es aber in Wirklichkeit besonders viel harte Arbeit, Mut und Durchhaltevermögen, sich als Frau dieser männlich geprägten Bierwelt immer wieder zu stellen. Da vergeht uns Exoten zuweilen die Lust.

Sk: Du hast es also auch mit Widerstand zu tun.

Sylvia Kopp: Wenn ich nur daran denke, wie oft es vorkommt, dass Männer, die ihr ganzes Leben eine einzige Marke trinken, dies aber selbstbewusst und laut vertreten und sich für ausgewiesene Bierkenner halten, dass solche Männer sich in einer Bierverkostung am ehesten quer stellen, gar nicht erst richtig probieren und mit großer Gebärde gleich abwinken: Das sei doch kein Bier.

Sk: Das muss sich aber doch nicht unbedingt gegen Dich als Frau richten, sondern geht vielleicht gegen die Bierstile, die dem Teilnehmer ungewohnt erscheinen.

Sylvia Kopp: Ja, für manche ist das alles zu exotisch… aber ich spüre ganz genau, wenn einer mich herausfordern und meine Position in Frage stellen will. Das passiert meinen männlichen Kollegen nicht so krass, das weiß ich.

Sk: Wie gehst Du damit um?

Sylvia Kopp: Ich lasse mich nicht auf das Machtspiel ein, nehme die Provokation als eine Meinung und gebe dem Teilnehmer Raum, diese zu vertreten. So dürftig, wie sie ist, kostet es ihn Mühe und mich Zeit, aber danach ist er meistens beruhigt. Zum Trost ist auch spürbar, wie nach der ersten Abwehr ein Erkenntnisprozess einsetzt. Bei dem Widersacher arbeitet es, auch bei denen, die zunächst mitgefeixt haben. Und das gibt mir wiederum Hoffnung. Die Herausforderung liegt für mich darin, den Stillen, den Genießern und Offenherzigen mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit einzuräumen. Und diesen ein Entzücken – gegen alle Widerstände im Raum – zu entlocken.

Sk: Zu den Stillen gehören oft die Frauen, stimmt’s?

Sylvia Kopp: Man merkt, dass Du schon an Verkostungen von mir teilgenommen hast. Frauen sind anfänglich meist sehr zurückhaltend, weil viele eigentlich überhaupt keinen Zugang zum Bier haben.

Sk: Was tust Du, um die Frauen zu erreichen?

Sylvia Kopp: Aufmerksamkeit. Ich schenke ihnen besondere Aufmerksamkeit und mache deutlich, dass wir uns hier nicht in der von maskulinen Bildern und Ritualen dominierten Werbewelt des Bieres aufhalten. Dass es nicht darum geht, wer am meisten trinkt und hinterher am längsten uriniert.

Sk: Echt? Sagst Du das so?

Sylvia Kopp: Nur implizit… Aber ich betone, dass es um das eigene Geschmacksempfinden geht. So finden die Leute, Männer wie Frauen, ihren ganz persönlichen Zugang zum Bier. Der Geschmackssinn ist letztlich doch was radikal Subjektives.

Sk: Wenn man es schafft, sich frei zu machen von vorgekauten Meinungen und der dominanten Sichtweise.

Sylvia Kopp: Genau, darum geht es. Es wird vieles nur abstrakt im Oberstübchen abgeschätzt. Es kommt aber darauf an, was eine Etage tiefer, im Mund- und Rachenraum, wirklich abgeht.

Sk: Und dabei sind Frauen empfindsamer als die Männer?

Sylvia Kopp: Nein, nach meinen Erfahrungen weder – noch. Frauen und Männer können das gleich gut, wenn sie nur einmal den Respekt vor eingepflanzten Vorstellungen ablegen. Das gilt doch überall: Frauen sind längst nicht mehr aufs Häusliche abonniert. Die Zahl der Frauen, die einen Job und keine Zeit zum Kochen haben, die auf Geschäftsreisen sind und allein essen gehen, sich ins Café oder in eine Bar setzen, war noch nie so hoch. Dieser ganze dualistische Quatsch von männlicher und weiblicher Sphäre löst sich meiner Meinung nach auf. Jedoch oder gerade deshalb, so scheint mir, wird in der Bierwerbung der Geschlechterkampf erbitterter denn je ausgetragen.

Sk: Findest Du das schlimm?

Sylvia Kopp: Mir persönlich ist das egal. Ich lebe ja längst ganz anders. Mein Keller ist voll verschiedener Biersorten aus verschiedenen Ländern. Ich trinke zu jedem Sonntagsessen die passenden Biere und habe einen tollen Partner, der das ebenso genießt wie ich… Aber ich wundere mich, dass die Industrie es sich leisten kann, die Frauen komplett auszuschließen.

Sk: Wie hast Du so schön in einem Vortrag gesagt: Der Fokus der Bierindustrie auf Männer ist eine „Sackgasse“.

Sylvia Kopp: Dem ist nichts hinzuzufügen.